Spiegeltherapie

Die Spiegeltherapie ist eine noch relativ neue Therapiemethode mit kognitivem Ansatz. Unter Verwendung eines Spiegels erschaffen wir eine optische Illusion und das Gehirn wird visuell stimuliert.

Durch die optische Stimulation werden bestimmte Hirnareale aktiviert, um Bewegungen zu fördern, Schmerzen zu reduzieren und die Wahrnehmung zu verbessern.

Einsatzbereiche der Spiegeltherapie

Die Spiegeltherapie bietet neue Möglichkeiten bei der Behandlung von Patienten und kann in der Ergotherapie in folgenden Fachbereichen und Therapien eingesetzt werden:

  • Neurologie
  • Orthopädie / Rheumatologie / Unfallchirurgie
  • Schmerztherapie
  • Handtherapie z.B. nach Handoperationen
  • Geriatrie

Zur Anwendung kommt die Spiegeltherapie bei folgenden Krankheitsbildern und den damit verbundenen Einschränkungen z.B.:

  • Schlaganfall
  • Phantomschmerzen nach Amputationen
  • Chronische Schmerzen
  • CRPS –komplexes regionales Schmerzsyndrom (Morbus Sudeck)
  • Morbus Parkinson
  • Multiple Sklerose

Spiegeltherapie nach Schlaganfall

Patienten nach einem Schlaganfall leiden an einer eingeschränkter Arm- und/oder Beinfunktion und sehr häufig unter Schmerzen in der gelähmten Körperhälfte. Der Grund dafür ist eine Schädigung von bestimmten Hirnregionen. Jede Region des Gehirns ist für ganz bestimmte Funktionen zuständig, wie z.B. das bewusste Bewegen der Hand und einzelner Finger, das Fühlen von unterschiedlichen Reizen und das Schmerzempfinden.

Jeder Körperteil ist in unserem Gehirn in einer bestimmten Hirnregion angelegt. Das wird in der Gesamtheit auch als Körperschema bezeichnet. Wird das Körperschema z.B. durch einen Schlaganfall gestört, kann es zur veränderten Wahrnehmungen der einzelnen Körperregionen und der betroffenen Extremitäten kommen. Durch einen Schlaganfall kann auch das für den betroffenen Körperteil zuständige Gebiet im Gehirn schrumpfen.

Die Plastizität unseres Gehirns und der damit verbundenen Lernfähigkeit ermöglichen eine Anpassung an veränderte Bedingungen nach einem Schlaganfall. Mit der Spiegeltherapie haben wir die Möglichkeit gezielt bestimmte Hirnregionen anzusprechen, um einen positiven Einfluss auf die Bewegung und das Schmerzempfinden zu nehmen.

Spiegeltherapie nach Amputationen

Mit der Spiegeltherapie sind Schmerzen “verlernbar” und es gelingt oftmals, die Phantomschmerzen bei Patienten nach einer Amputation zu lindern.

Die meisten Menschen, denen ein Arm oder Bein wegen eines Unfalls oder einer Erkrankung amputiert werden musste, werden von starken Phantomschmerzen gequält. Die Ursache für die Schmerzen liegt in einer fehlenden Anpassung des Gehirns nach der Amputation.

Nach Amputationen und den dadurch auftretenden Phantomschmerzen kann die Spiegeltherapie eingesetzt werden. Bei der Spiegeltherapie setzt sich ein Patient so vor einen Spiegel, dass die amputierten Gliedmaßen verdeckt sind und er ein Abbild seines vorhandenen Armes oder seinen Beines im Spiegel sieht. Es wird dem Patienten die optische Illusion vermittelt, dass der amputierte Körperteil noch vorhanden ist und er die vollständige Kontrolle darüber hat. Durch die Spiegeltherapie werden im Gehirn die Regionen aktiviert, die den Phantomschmerz auslösen. Bei der Spiegeltherapie lernt der Patient seine Phantomgliedmaßen zu kontrollieren, wodurch auch das Schmerzempfinden deutlich reduziert wird.

Bei Phantomschmerzen nach Amputationen kann die positive Wirkung der Spiegeltherapie über längere Zeit Bestand haben. Wenn die Phantomschmerzen wieder auftreten, sollte der Patient in der Lage sein, selbständig die Übungen auszuführen, um die Schmerzen auszuschalten. Bei Phantomschmerzen sind auch Imaginationsübungen sehr hilfreich, da nicht immer und überall im Alltag ein Spiegel zur Hand ist. Die Imagination ist ein mentales Training, bei dem sich der Patient Bewegungen der betroffenen Extremität bewusst vorstellt, ohne die Bewegung auszuführen.

Das Prinzip der Spiegeltherapie

Ein Spiegel wird vor dem Patienten an der Körpermitte platziert. Der betroffene Arm oder das Bein wird von dem Therapie-Spiegel komplett verdeckt. Beim Blick in den Spiegel sieht der Patient nur den gesunden Arm oder das gesunde Bein. Unter fachkundiger Anleitung durch einen ausgebildeten Spiegeltherapeuten führt der Patient verschiedene Übungen mit dem gesunden Arm oder Bein durch. Für den Patienten sieht es durch die Spiegelung so aus, als ob der gelähmte bzw. der schmerzhafte Arm oder das Bein beschwerdefrei bewegt werden kann. Durch den Spiegel entsteht im Gehirn eine optische Illusion und das Gehirn lernt den betroffenen Arm oder das Bein als schmerzfrei zu erleben.

Durch die wiederholte Durchführung der Übungen während der Spiegeltherapie kommt es häufig zu erstaunlichen Ergebnissen: Die Patienten können ihren gelähmten Arm, das gelähmte Bein oder die schmerzenden Körperteile wieder besser bewegen, spüren weniger Schmerzen und nehmen das betroffene Körperteil besser wahr.

Die Ursache dafür liegt im Gehirn. Durch die Spiegeltherapie werden gezielt Gehirnregionen aktiviert, die dann einen positiven Einfluss auf die Bewegung und das Schmerzempfindung haben.

Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die alle miteinander verbunden sind. Für das Erlernen und Wieder-Erlernen von Bewegungen sind bestimmte Nervenzellen im Gehirn verantwortlich. Diese bezeichnet man auch als „Spiegelneuronen“‘. Selbst wenn wir Bewegungen oder Berührungen bei anderen Menschen nur beobachten, werden diese Spiegelneuronen aktiv. Auf diesem Prinzip basiert die Spiegeltherapie. Während der Spiegeltherapie werden die für das Wiedererlernen von Bewegungen verantwortlichen Spiegel-Neuronen in den Hirnregionen aktiviert, die Bewegung wird neu erlernt und es können so auch Schmerzen reduziert werden.

Die Spiegeltherapie erfordert sehr viel Aufmerksamkeit und Konzentration und die aktive Mitarbeit des Patienten ist Voraussetzung für das erfolgreiche Training mit dem Spiegel. Der Patient muss sich bewusst auf die Illusion des Spiegels einlassen können. Am Beginn der Spiegeltherapie ist oft etwas Geduld erforderlich und ein intensives und konsequentes Training ist notwendig, um den gewünschten Therapie-Erfolg zu erzielen. Die Spiegeltherapie sollte am Anfang unter Anleitung eines qualifizierten Spiegeltherapeuten erlernt werden. Gemeinsam wird dann ein individuelles Haus-Übungsprogramm erarbeitet, welches dann kontinuierlich durchgeführt wird. Für die Spiegeltherapie ist eine hohe Therapiefrequenz (mindestens 1x pro Tag, über mehrere Wochen) empfehlenswert.

Die Spiegeltherapie ist nicht als „Einzeltherapie“ zu sehen, sondern als Ergänzung zu anderen Therapieverfahren der Ergotherapie.